02.04.2010
Kurzurlaub nach Dessau:
Warum nicht Dessau?
Ich kenne zwar niemanden, der dort jemals gewohnt hat oder mir erzählt hätte, dass es ihn dorthin getrieben hätte, aber immerhin gibt es dort Bauhaus!
Dessau liegt zwar schon in Sachsen-Anhalt, aber es gilt noch das Brandenburgticket von Berlin aus, welches man sich für 27 EUR am Automaten kaufen kann und womit bis zu 5 Leute fahren dürfen.
Mit Umsteigen in Wannsee und Roßlau landen wir 2-3 Stunden später in Dessau. Der Bahnhof ist eine eizige große Baustelle – sie scheinen dort großes vorzuhaben! Geht man zum westlichen Ausgang in die Stadt, kommt man zwangsläufig am Bauhaus und an den Meisterhäuser vorbei, um in Richtung Jugendherberge zu strömen.
Es fährt zwar ab und ein Bus, aber leider nur ungefähr einmal in der Stunde.
20min später stehen wir an der Rezeption. Leider benötigt man für diese Jugendherberge einen JH-Ausweis, um dort übernachten zu können. Also werden wir nun auch noch Mitglied von diesem Übernachtungsverein.
Wir besorgen uns dort auch gleich eine DessauCard für 8 EUR, mit der man umsonst mit der Tram und dem Bus fahren kann, kostenlos in den Tierpark kommt und hier und dort eine Ermäßigung auf den Eintrittspreis.
Nach dem Eincheck tapern wir wieder zurück zur Innenstadt und wollen versuchen, zum Fluss zu kommen und nehmen mit einigem Argwohn die postsozialistische Struktur im Städtebau wahr.
Aber es gibt auch Ecken, die ein paar hundert Jahre älter sind:
Es begegnet uns ein akkupunktierter Vogel auf dem alten Postgebäude.
Wie schlendern über den Marktplatz am Rathaus – hier sieht man einen Teil gespiegelt – ein Bild vom Rathaus von 1945 und hier ein aktuelles Bild (das Foto ist nicht von mir, nur damit man einen Eindruck vom Rathaus samt Markt bekommt, habe ich es verlinkt. Ich vergesse oft, das naheliegendste zu fotografieren, aber die Sehenswürdigkeiten haben ja andere schon zur Genüge abgelichtet…)
und hier finden sich zu beiden Seiten Wohnhäuser, die aus den 50er Jahren zu sein scheinen und deren Fassaden restauriert wurden.
Endlich kommen wir an der Mulde an.
Doch wir haben die Rechnung ohne den Wirt, bzw. die Pächter gemacht. Die Grunstücke ragen bis ans Wasser und sind für Passanten sowie Bummelanten gesperrt.
Das heißt, wir müssen umkehren und uns einen anderen Weg suchen.
Die Bogenbrücke ist eher neueren Baudatums und führt auf die Festwiesen auf der anderen Seite des Ufers.
Die Überquerung heben wir uns für den kommenden Tag auf, denn jetzt wollen wir was in den Magen bekommen.
Vorbei am Stadtschloss, dem Johannbau aus dem 15.Jh.;
vorbei an der Marienkirche und Fürst Leopoldt.
Da Dessau nachweislich nicht an Überbevölkerung leidet, ist das Städtchen ziemlich ausgestorben, zumal heute auch noch Karfreitag ist. Am ehesten wird man wohl ein geöffnetes Lokal in der Altstadt finden.
Das Kartoffelhaus. Das scheint es in jedem Städtchen zu geben. Aber Kartoffeln machen satt und schmecken gut.
Nach dem Essen wollen wir am Hauptbahnhof einen Bus zur Jugendherberge erwischen. Es ist zwar erst kurz nach 20 Uhr, aber der reguläre Bus fährt nicht mehr. Stattdessen teilen wir uns ein Großraumtaxi, welches nun quasi als Nachtbus unterwegs ist, mit einem Punk, der immer wieder einnickt und einem sonderlichen älteren Pärchen aus dem Ort. Mit der DessauCard ist das kein Problem.
Unüblicherweise gibt es in der JH Bier zu kaufen. Wir genehmigen uns noch eins.
An frühes Schlafengehen ist nicht recht zu denken, da sich eine einquartierte Familienfeier recht hörbar unter unserem Fenster ausnimmt.
03.04.2010
Wir sind spät dran zum Frühstück und fragen uns, warum man auch in den Ferien so früh aufstehen muss, um ein unbedeutsames Brötchen abzugreifen. Mitnehmen darf man auch nichts vom Buffet, so wird das Brot hinuntergewürgt. Nun stehen wir wie von der Nacht ausgespuckt auf der Straße. Wir nehmen uns die Meisterhäuser vor. es stehen, Klee, Kandinsky, Muche, Schlemmer und Scheper auf dem Plan.
Diese lebten und arbeiteten in den 30er Jahren des 20.Jh. in Dessau. Von ihren Studenten ließen sie sich „Meister“ nennen. Daher auch der Begriff der „Meisterhäuser“.
Die Häuser wurden teilweise zerstört bzw. in der Nazizeit umgebaut. Ende des 20.Jh. wurden sie nun wieder weitgehendst originalgetreu restauriert und zurückgebaut.
Wir konnten zwei x zwei Doppelhaushälften besichtigen.
Bei jedem Häuschen klingelt man wie bei Nachbars an der Türe und bekommt Einlass.
In manchen Häusern sind Ausstellungen zu sehen, doch eigentlich ist es recht nüchtern dort – eben bauhaus!
Zuerst kommen wir zu Kandinsky und Klee, die beide jeweils von 1926-1932 in ihrem Meisterhaus gelebt haben.
Dieses schwarz gestrichene Schlafzimmer hat Georg Muche bekommen. Er konnte sich trotz der inspirierenden Worte des Baumeister nicht damit anfreunden. Der Erschaffer meinte nämlich, dass nur eine matt-schwarz gestrichenes Zimmer düster wie der Tod wirke, aber nicht ein glänzendes. Letzteres würde das Spiel mit dem Licht aufnehmen und dadurch kreativ und bereichernd wirken und böte eine gute Vorraussetzung für einen tiefen erhholsamen Schlaf.
Mucher hat einmal darin geschlaffen und war am nächsten Morgen davon entsetzt wie verserrt sich sein Körper auf der schwarz reflektierenden Wand spiegelte.
Danach hat er dieses Zimmer nur noch als Abstellkammer benutzt, mit dem Kommentar, dass dazu auch ein weißer Anstrich genügt hätte.
Das wurde darauf hin sein Schlafzimmer.
Beeindruckend sind die Ateliers, die durch ihre große Fensterwand sehr luftig wirken. Die Ateliers sind so eingerichtet, dass sie gleich Ablageflächen für Bilder und sonstige Kunstwerke bieten
Das Haus von Gropius sah so aus:
Nach Kunst und Kultur treibt es uns die nahegelegene Stadtnatur, ins Georgium. Dort befindet sich auch die Anhaltinische Gemäldegalerie, die wir uns aber nicht antun.
Die Sieben Säulen scheinen eine Art Miniatur-Wahrzeichen der Stadt zu sein.
Mehr durch Zufall, denn durch Planung landen wir im Tierpark. Und der ist echt toll gemacht! Überall gibt es was zu entdecken und man kann sein Wissen testen.
Eigentlich bin ich nicht der große Zoo-Fan, aber dort hat es mir sehr gut gefallen.
Z.B. der Nandu nach dem Friseurbesuch.
oder die tagaktiven Kattas, die sich gerne in Szene setzen und gleich auf Freundschaft bei Enkidu gestoßen sind.
Dann die scheinbar zu groß geratenenen Hasen, die Papashasen.
Die Schweinsaffen sahen für meinen Geschmack ziemlich gruselig aus. Sie erinnerten mich an Filme, in denen Affen für Labortests benutzt werden.
Vögel in jeder Größe und Farbe gab es anzusehen. Manche schillernd andere etwas düsterer, wie dieses Geierchen.
Die Biber haben gerade geschlafen, dafür waren die zerzausten Bisamratten hurtig unterwegs.
Ein Luchs hatte es sich in einem Pappkarton gemütlich gemacht und knabberte die Kiste langsam auf.
Zwei prächtige Jaguare durchstreiften ihr Gehege.
Die Tiergehege sind rund um das Mausoleum und den Teich angelegt. Das Mausoleum ist baufällig und für den Zugang derzeit gesperrt. Ich habe keine Ahnung, ob es restauriert werden soll.
Zeit für Mittagessen.
Wir haben gestern bereits eine Wurstbude erspäht.
Während wir die Thüringer Rostbratwurst essen, bleibt Zeit uns ein bisschen genauer die Poster und Plakate der Stadt anzuschauen. Weitverbreitetes Thema ist der Kulturkampf.
Zur Verdauung gibt es eine Spazierfahrt mit der Straßenbahn nach Dessau-Süd.
Bahnhof Dessau-Süd
In den Kleingartenkolonien hat man mit dem Ostefeuer begonnen und die Sofas in den Garten geschoben, auf denen die Familie sitzt und in die Flammen starrt.
Streetart findet man nur sehr selten und wenn dann fast immer diese Überwachungskamera.
Ein ganzer Häuserblock steht verlassen, obwohl teilweise vor nicht allzu langer Zeit neue Thermofenster eingebaut wurden. In den letzten Jahren ist die Bevölkerung in Dessau um 1/5 geschrumpft. Das macht sich natürlich bemerkbar.
Nachdem wir in die Innenstadt zurück gekehrt sind, haben wir uns vorgenommen, zu schauen, was es auf der anderen Seite der Mulde zu entdecken gibt.
Ein Jahrmarkt gastiert dort für’s Osterwochenende.
Besonders einladen wirkt er jedoch nicht, sondern gleicht eher einem sterbenden Lächeln.
Wir drehen noch ein Kurve im Muldental und kommen in Dessau-Nord wieder zurück zur Zivilisation. Wenn wir wollten, könnten wir uns das Schlösschen Luisium, besser gesagt den Landsitz der früheren Fürstin von Sachsen-Anhalt Louise ansehen, aber das sparen wir uns, weil uns die Füße schmerzen und wir den nächsten Bus in die Innenstadt nicht verpassen wollen.
04.04.2010
Wir wollen nicht verpassen, ins BAUHAUS zu gehen.
Allerdings schauen wir uns nur das Treppenhaus, den Buchladen und die Klos an, denn wir mögen kein Geld für eine Führung ausgeben, ohne die man aber nicht in die Räume kommt.
Unten im Keller gibt es eine helle, angenehme Caféteria.
Kontrast zur konstruktivistischen gegenüber liegenden Seite:
Text und Fotos: Sulamith Sallmann
April 2010